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Milliarden-Verluste, bis zu 5,6 Millionen Jobs betroffen: Stopp für russisches Gas hätte dramatische Folgen

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Von: Thomas Schmidtutz

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Ein möglicher Lieferstopp für russisches Gas würde die deutsche Wirtschaft mit voller Wucht treffen. Das zeigt eine Prognos-Studie für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw).

München - Ein kurzfristiger Stopp von russischen Erdgas-Importen hätte dramatische Folgen für die deutsche Wirtschaft. Das geht aus einer am Dienstag veröffentlichten Studie der Prognos AG im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) hervor. Danach könnte die deutsche Wirtschaftsleistung im Falle eines Lieferstopps für russisches Gas um insgesamt 193 Milliarden Euro schrumpfen. Zudem wären bundesweit insgesamt „etwa 5,6 Millionen Arbeitsplätze betroffen“, sagte vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt bei der Vorstellung der Untersuchung am Dienstag in München.

In der Studie haben die Autoren die möglichen Folgen einer Lieferunterbrechung für russisches Gas zum 1. Juli untersucht und dabei vor allem einzelne Produktionsprozesse und deren Auswirkungen auf benachbarte Produktionsstufen bewertet. Danach müssten sich vor allem die Glas- und Stahlindustrie auf drastische Rückschläge einstellen. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Wertschöpfung um fast 50 Prozent zurückgeht“, sagte Brossardt. In der Chemie-, Keramik-, Nahrungsmittel- und Textilbranche sowie bei Druckereien drohten Wertschöpfungsverluste von „über 30 Prozent“.

Lieferstopp für russisches Gas: Verband sieht gefährliche Dominoeffekte

Hinzu kämen die indirekten Folgen auf nachgelagerte Bereiche. „Die Erdgas-Engpässe bewirken Dominoeffekt“, sagte der vbw-Chef. Wegen der eng verflochtenen Produktions- und Lieferketten seien die Auswirkungen mit einem Wertschöpfungsminus von weiteren 144 Milliarden Euro gut dreimal so groß wie die unmittelbar betroffenen Industrien, warnte der vbw-Hauptgeschäftsführer.

Angesichts des Kriegs in der Ukraine wächst in Europa die Sorge um einen vollständigen Gas-Lieferstopp aus Moskau. Erst Mitte Juni hatte der russische Gasriese Gazprom die Liefermengen um 60 Prozent reduziert. Mitte Juli soll die Gaspipeline Nord Stream 1 turnusgemäß gewartet werden. Dann müssen die Gashähne zunächst vollständig abgedreht werden. Immer mehr Beobachter erwarten aber, dass der Kreml die Lieferung auch nach der Wartung nicht mehr aufnimmt.

Angesichts des Szenarios eines vollständigen Lieferstopps sprach sich Brossardt für den gezielten Einsatz der vorhandenen Gasmengen aus. Ziel müsse es sein, die deutsche Wirtschaft „in möglichst kurzer Zeit“ unabhängig von russischen Gaslieferungen zu machen. Zugleich mahnte er erneut mehr Tempo bei der Energiewende an. Mit einem raschen Ausbau erneuerbarer Energien würden die Strompreise langfristig gedämpft. Damit könne sich Deutschland „von einseitigen Abhängigkeiten im Energiesektor weiter lösen“, sagte Brossardt. (utz)

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