Dreister Coup

Volkswagen: Dieb klaut acht Neuwagen im Stammwerk - riesige Sicherheitslücke aufgeflogen

VW-Zentrale in Wolfsburg: Zwischen 2016 und 2018 sind 70 fabrikneue Fahrzeuge verschwunden - direkt auf dem Werksgelände.
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VW-Zentrale in Wolfsburg: Zwischen 2016 und 2018 sind 70 fabrikneue Fahrzeuge verschwunden - direkt auf dem Werksgelände.

Bei VW in Wolfsburg waren die Sicherheitskontrollen für Spediteure offenbar lange ziemlich lax. Das hat sich ein Dieb genutzt und gleich acht fabrikneue Autos geklaut.

  • Beim Schutz gegen Langfinger betreiben Unternehmen einen hohen Aufwand.
  • Doch ausgerechnet beim größten europäischen Autobauer VW gab es eklatante Lücken.
  • Wie schlimm die Sicherheitsmängel sind, offenbart jetzt ein Verfahren vor dem Amtsgericht Wolfsburg.
  • Zwischen 2016 und 2018 sind dort insgesamt 70 fabrikneue Autos geklaut worden - unter den Augen des Werkschutzes.

Wolfsburg - Der Werkschutz des Wolfsburger Autobauers VW* kann sich über mangelnde  Verantwortung nicht beklagen. Zu den Aufgaben der Sicherheitsmannschaft gehören der Empfang von Besuchern, der Schutz von Prototypen und Veranstaltungen und die Gefahrenabwehr.

Vor allem den Punkt mit der Gefahrenabwehr nimmt die Truppe in Corona*-Zeiten sehr genau. Als im Kampf gegen das Virus im vergangen Jahr auch am Stammsitz in Wolfsburg das Tragen von Masken verpflichtend wurde, zogen die Werkssheriffs die Zügel an. Inzwischen, jubelte die Abteilung unlängst via Presse, liege der Anteil der VW-Mitarbeiter ohne Schutzmaske bei gerade 0,4 Prozent.

So effizient war die Abteilung allerdings nicht immer. Ausgerechnet auf die schnieken neuen Autos haben die Werkschützer zuletzt offenbar nicht so gut aufgepasst. Das zeigt ein Blick auf die Statistik. Alleine zwischen 2016 und 2018 sind den Wächtern insgesamt 70 fabrikneue Autos im Gesamtwert von drei Millionen geklaut worden - direkt auf dem Werksgelände am Mittelland-Kanal.

VW: So leicht hat sich der Konzern austricksen lassen

Wie einfach es die Täter dabei hatten, offenbart ein aktuelles Verfahren vor dem Amtsgericht Wolfsburg. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, im Oktober 2018 insgesamt acht Neuwagen auf dem Werksgelände gestohlen zu haben. Laut Ermittlungsbehörden soll der Angeklagte dabei ungewöhnlich dreist vorgegangen sein.

Den Erkenntnissen der Ermittler zufolge soll der aus Pernik in Bulgarien stammende Mann am 9. Oktober 2018 mit einem leeren Sattelschlepper unbehelligt das Werkstor passiert haben und in den Verladebereich gefahren sein. Dort soll der 32-Jährige drei Golf* und fünf Tiguan aufgeladen haben und mit seiner Beute ungehindert nach Bulgarien abgerautscht sein. Nur ein paar Wochen nach der Tour wurden sieben der acht Autos im Großraum Sofia zugelassen. Das verbleibende Fahrzeug – einen nagelneuen Golf - soll der Fernfahrer selbst behalten haben.

VW: Diebe machen sich laxe Sicherheitskontrollen zunutze

Bei seinem einträglichen Beutezug hat sich der Mann offenbar die laxen Sicherheitskontrollen im Wolfsburger Stammwerk zunutze gemacht. Denn vor der Abholung der Fahrzeuge in Wolfsburg mussten die Fahrer früher keine Papiere vorlegen. Stattdessen wurden sie am Werkstor einfach durchgewunken.

Außerdem kannte der Mann offenbar das damals übliche Prozedere im Werk. Nach der Endkontrolle erhalten die Fahrzeuge ein Label mit allen wichtigen Daten wie Fahrgestellnummer oder Auslieferungsziel. Dann werden die Autos auf den Verladeplätzen geparkt, in der Regel direkt in Achtergruppen. So viele Fahrzeuge passen auf einen Autotransporter.

VW: Schlüssel in den Neufahrzeugen stecken

Damit es bei der Verladung schneller geht, bleiben die Schlüssel dabei stecken. Die Fahrer verladen die Fahrzeuge, scannen die Labels an der Windschutzscheibe und legen die Ladeliste den Werkschützern bei der Ausfahrt vor. Im Falle der gestohlenen Autos haben die Fahrer die Kontrolleure bei der Ausfahrt offenbar mit alten Ladelisten ausgetrickst, die jahrelang nicht abgegeben werden mussten. Einen Abgleich zwischen den Papieren und den Ladelisten gab es aus Arbeitsschutz-Gründen nicht. Das Klettern auf den Sattelschleppern sei zu gefährlich, hieß es.

Ins Rollen gekommen waren die Ermittlungen, nachdem die VW-Logistiker Alarm geschlagen hatten. Ihnen war aufgefallen, dass immer wieder nagelneue Autos auf dem Werksgelände spurlos verschwanden. Auch eine Auswertung von Videomaterial brachte zunächst keine Aufklärung. Die Aufnahmen dürfen jeweils nur fünf Tage aufgehoben werden und lagen daher zunächst nicht mehr vor.

Erst nachdem der Konzern die Kriminalpolizei eingeschaltet hatte, konnte der Täter ermittelt werden. Dazu hatten eigene Kameras zur Überwachung der Verladeparkplätze installiert und die Video-Aufnahmen aufbewahrt. So kamen die Ermittler dem Bulgaren auf die Schliche. Inzwischen hat VW die eklatante Sicherheitslücke bei der Ein- und Ausfahrt der Auto-Transporter offenbar gestopft.

VW: Dieb muss für gut zweieinhalb Jahre ins Gefängnis

Für den Angeklagten ist die dreiste Sattelschlepper-Masche nicht gut ausgegangen. Am Freitag (5. Februar) fällte das Amtsgericht Wolfsburg das Urteil. Der Angeklagte muss wegen Diebstahls für zwei Jahren und acht Monaten in Haft, teilte das Gericht auf Anfrage mit. Außerdem muss der Bulgare den Wert der Fahrzeuge von insgesamt rund 345.00 Euro ersetzen. Die entsprechende Summe wurde sichergestellt und eingezogen. Mit dem Urteil blieb das Gericht nur knapp unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Anklage hatte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und 10 Monate gefordert. *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen Digital Redaktionsnetzwerks.

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